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Werkessay

Erbarmungslos

Originaltitel: Unforgiven

  • Darsteller
  • Regie
  • Produktion
  • Musik

Musik: Komposition von Claudia’s Theme

Gene Hackman lächelt bei einem Besuch im Weißen Haus
01 / Porträt

Gene Hackman im Weißen Haus am 6. Februar 1987. In Erbarmungslos spielt er Little Bill Daggett. Die Aufnahme entstand fünf Jahre vor dem Film.

Reagan White House Photographic Collection / NARA · Public domain · Größe und Format angepasst.

Der Körper erinnert sich anders

William Munny sieht zunächst nicht wie ein Mann aus, dessen Vergangenheit andere erschrecken sollte. Er kämpft mit alltäglicher Arbeit, mit den Grenzen seines Körpers und mit einem Leben, das er nur mühsam zusammenhält. Erbarmungslos eröffnet damit einen Abstand zwischen Ruf und Gegenwart. Wir kennen Eastwoods Gesicht; der Film zwingt uns trotzdem, neu hinzusehen.

1992 inszeniert Eastwood den Western nach einem Drehbuch von David Webb Peoples und übernimmt zugleich Produktion und Hauptrolle. Gene Hackman spielt Little Bill Daggett, Morgan Freeman Ned Logan und Richard Harris English Bob. Diese Zuständigkeiten und die zentrale Besetzung dokumentiert das BFI. Der Film erhielt 1993 vier Oscars, darunter Film und Regie sowie den Nebendarstellerpreis für Hackman.

Wer setzt den Preis fest?

Der Ausgangspunkt ist eine verletzte Frau. Doch die Männer, die über die Folgen der Tat verhandeln, behandeln den Angriff als Frage von Besitz und Entschädigung. Die betroffenen Frauen setzen dem eine eigene Handlung entgegen: Sie sammeln Geld für die Bestrafung der Täter. Damit verschiebt sich die Macht, ohne dass die Welt gerechter oder einfacher wird.

Ein Kopfgeld kann auf ein Unrecht antworten und zugleich neues Unrecht ermöglichen. Der Film trennt deshalb das berechtigte Bedürfnis nach Gerechtigkeit von der Vorstellung, dass jeder Vollstrecker dieses Bedürfnisses automatisch gerecht handelt. Munny kommt nicht als Verkörperung eines Prinzips. Er braucht das Geld.

Geschichten schießen zuerst

Der junge Schofield Kid bringt eine Erzählung von sich selbst mit. English Bob reist sogar mit einem Schriftsteller, der seine Taten in lesbare Größe verwandelt. Überall laufen Geschichten der Erfahrung voraus. Wer als gefährlich gilt, kann Macht gewinnen, bevor er überhaupt handeln muss.

Der Schriftsteller Beauchamp ist deshalb keine bloße komische Nebenfigur. An ihm zeigt der Film, wie bereitwillig ein Erzähler den Mann auswählt, dessen Version gerade überzeugend klingt. Ein anschaulicher Bericht ersetzt noch keine Wahrheit. Für einen Western mit einem der berühmtesten Gesichter des Genres ist das eine besonders scharfe Selbstbefragung.

Ordnung mit den eigenen Fäusten

Hackmans Little Bill ist kein geheimnisvoller Dämon. Er redet, erklärt und hält seine Vorstellungen von Ordnung für praktisch. Gerade seine Verständlichkeit macht ihn gefährlich. Er braucht kein Bewusstsein des Bösen, um grausam zu handeln. Es genügt, dass er sich als zuständigen Mann betrachtet.

Munny und Little Bill werden dadurch nicht identisch. Aber die bequeme Trennung zwischen legitimer und illegitimer Gewalt wird unsicher. Ein Abzeichen beantwortet die moralische Frage ebenso wenig wie eine tragische Vergangenheit. Auch Neds Zurückhaltung erhält in dieser Welt Gewicht: Ein Mensch kann an einer Unternehmung teilnehmen und dennoch an einen Punkt gelangen, an dem er nicht weiterhandeln will.

Das Ende ist keine Reinigung

Spoilerhinweis: Dieser Abschnitt bespricht die Wirkung des Finales.

Wenn Munny wieder zu jenem Mann wird, dessen Ruf durch den Film gegangen ist, erhält das Publikum eine erschreckende Erfüllung. Die gefürchtete Fähigkeit ist vorhanden. Aber ihre Rückkehr löscht weder Schuld noch Verlust. Der Mythos funktioniert noch; genau darin liegt das Unbehagen.

Die Spannung des Finales kann man genießen und sich gleichzeitig fragen, was man dabei genießt. Erbarmungslos gibt diese Erfahrung nicht an eine eindeutige Botschaft ab. Er macht sichtbar, wie stark das Bedürfnis nach dem überlegenen Schützen bleibt, selbst nachdem der Film dessen Voraussetzungen beschädigt hat.

Was weiterwirkt

Von Für eine Handvoll Dollar bis hierher lässt sich eine Veränderung des Blicks beobachten: Dort organisiert die Fähigkeit zur Gewalt einen Auftritt; hier belastet sie ein ganzes Leben. Der Film verabschiedet Eastwoods Leinwandpräsenz nicht. Er nimmt sie ernst genug, um ihr zu misstrauen. Die Academy dokumentiert die Auszeichnungen von 1993.

Quellen & Bildnachweise

  1. Clint Eastwood filmography – Musikcredit
  2. BFI – Unforgiven: Filmcredits
  3. Academy – Oscarverleihung 1993